Ich wache auf, als die Nacht noch Besitzansprüche stellt. Dezember hat diesen Tonfall von altem Holz und frisch geöffneter Streichholzschachtel. Das Dachgebälk knacken wie Orakel, der Atem macht kleine Gespenster in der Küche. Ich gieße Wasser auf Kaffee, und für einen Augenblick riecht die Welt nach Ankunft. Draußen streut jemand Salz, drinnen sortiert mein Kopf die Schlagzeilen, bevor ich sie lese: Börsen schaukeln, Allianzen schieben Schatten, irgendwer hält eine Rede über Sicherheit, die sich anfühlt wie eine dünne Decke in einem großen Winter. Ich nicke höflich in Richtung Außen. Und dann trete ich sorgfältig zurück.
Dezember ist nicht der Monat der Antworten, er ist der Monat der Akkorde. Dinge klingen länger nach. Jeder Satz hat ein Echo, das fragt: Meinst du das so? Ich meine es so: Meine Spiritualität trägt heute Wollsocken und hat keine Lust auf Spektakel. Sie will Holz stapeln – im Inneren, versteht sich. Da, wo das Feuer nicht posiert, sondern wärmt.
Wir reden viel von Frieden, wenn das Jahr zur Ausfahrt ansetzt. Auf den Plätzen blinkt Deko, als ließe sich Stille steckdosenkompatibel anschließen. Gleichzeitig vibriert die Welt im Modus „Achtung“. Es ist ein schiefer Chor, aber er verrät einen wahren Ton: Wir sehnen uns nach Verlässlichkeit, ohne wieder in Betäubung zu verfallen. Die Kunst besteht darin, informiert zu bleiben, ohne sich adoptieren zu lassen von fremden Dramen. Ich übe das, schlecht bezahlt, hoch sinnvoll. Ein Blick ins Weltgeschehen, ein Blick ins Fensterglas, hinter dem mein Spiegel wartet. Zwei Atmen. Noch einer. Und plötzlich weiß ich wieder, wem mein Nervensystem gehört.
Vor ein paar Nächten habe ich den Strom ausgemacht, alle. Kein Telefon, kein Router, nur die kleine Lampe, deren Schirm ein sehr geduldiger Mond ist. Ich setzte mich auf den Boden, Rücken an die Wand, die Hände auf die Rippen, als hielte ich ein Tier, das bei Geräuschen zuckt. Die Stille war nicht leer, sie war besetzt: von leisen Resten des Jahres, von halben Sätzen, von Blicken, die ich aus Bequemlichkeit verfehlt habe. Ich habe mich entschuldigt, nicht groß, nur ehrlich. Und etwas in mir hat geantwortet, ohne Worte. Es war wie das Aufhören eines entfernten Motors. Plötzlich hörte ich wieder die kleineren Geräusche: Blut, das Zeit durch mich trägt. Die Heizung, die ihr Knie sortiert. Der Raum, der mich akzeptiert.
Ich glaube, das ist der Dezember: nicht heilig, sondern präzise. Er nimmt dir das Überflüssige ab, sofern du es hergibst. Nicht alles auf einmal – Schicht um Schicht. Verkleidungen der Stimme. Übereifer. Dieses höfliche Lügen, das wir „Ich bin schon okay“ nennen. Man kann sich wundern, wie viel Platz entsteht, wenn ein einziger Satz nicht mehr gelogen werden muss. In diesem Platz beginnt Führung. Nicht die große Bühne, nicht das Manifest. Führung, die aus Atem gebaut ist und keine Zeugen braucht.
Geopolitisch bleibt es eine Schachpartie mit wechselnden Regeln. Ich nehme das ernst, aber nicht persönlich. Was ich persönlich nehme: meine täglichen Schwüre. Kein Drama mehr, das ich als Pflicht missverstehe. Kein Schweigen, das ich unter „Harmonie“ verbuche. Kein Preis, der meinen Selbstwert subventionieren soll. Spirituelle Arbeit ist Arbeit. Liebe ist Arbeit. Stille ist Arbeit. Und ja – Arbeit ist schön, wenn sie sinnvoll ist. Sinn macht nicht laut, er macht warm.
Mittags gehe ich raus, obwohl der Himmel sich anfühlt wie eine Anmerkung in bleigrau. Ich laufe die Flur entlang, die heute wirkt, als würde sie sich an ihre eigene Gravitation erinnern. Auf der Anhöhe im Oberdorf bleibt ein Kind stehen, schaut ins Wasser in einem alten Holzeimer, sagt: „Da ist ein anderes Dorf unten.“ Ich lache leise, weil das die beste Definition für Bewusstsein ist, die ich seit Wochen gehört habe. Zwei Dörfer, eine Bewegung. Oben – Zebrastreifen, Jacken, dieses erwachsene Tempo. Unten – ein Spiegel, der alles nimmt und nichts festhält. Ich beschließe, meinen Dezember dort zu verbringen: in dem Dorf unten, wo Dinge wahr werden, weil man sie nicht mehr festklammert.
Abends kommt Besuch. Kein Trubel, nur zwei Menschen, die inzwischen wissen, dass Gespräche ohne Geschwindigkeit tiefer schneiden, aber nicht bluten. Wir reden über das Jahr, das sich wie ein Schulheft anfühlt, in dem man zu früh mit Füller schreiben musste. Tintenflecken, ja. Aber lies die Sätze: Es steht mehr Wahrheit darin, als wir uns zutrauen. Ich schenke Tee nach, und irgendwann wird es schlicht. Wir sagen Sätze ohne Verpackung: „Ich hab dich vermisst.“ „Ich hatte Angst.“ „Ich hab’s besser gewusst und es trotzdem so gemacht.“ Drei Schweigen später ist der Raum neu kalibriert. Das ist die Art von Magie, die ich unterschreibe.
Kurz vor Mitternacht sitze ich allein und notiere die kleinsten Versprechen fürs Restjahr, keine Ziele, keine Produktivitätspoetik. Versprechen, die das Haus warm halten: Wasser vor Worten. Füße auf Boden. Ein Nein, das die Würde im Blick behält. Ein Ja, das im Afterglow noch stimmt. Jeden Tag ein Beweis für Güte sammeln – nicht um die Welt schönzureden, sondern um mich nicht an Zynismus zu verlieren. Und falls ich schwanke, die Hand aufs Brustbein, wie ein stiller Eid: Ich verlasse mich nicht.
Bald ist Sonnenwende. Das Licht macht seine vorsichtige Kehre, und alle sagen: Wir gehen aufwärts. Ich lächle darüber, wie sehr wir an Kalender glauben, und gleichzeitig spüre ich es wirklich: eine kaum hörbare Richtungsänderung, wie wenn ein Schiff das Ruder minimal korrigiert und der Ozean erst Stunden später davon weiß. Dezembers Wunder ist nicht groß. Es ist wiederholbar. Es passt in Taschengröße und heißt Gewohnheit: die freundliche, hartnäckige Art, bei sich zu bleiben.
Bevor ich das Jahr entlasse, zünde ich eine Kerze an, nicht um etwas zu beschwören, sondern um zu markieren: Hier war ich. Ich lese meine eigenen Ränder: Wo ich mich verwechselt habe, wo ich mich gefunden. Ich danke den Dingen, die mich überfordert haben, weil sie mich nicht beleidigt, sondern erweitert haben. Und dann schiebe ich eine Karte unter die Türschwelle zum Nächstens – kein Orakel, nur eine Notiz: „Komm rein, aber zieh die Schuhe aus.“ Der Januar soll den Boden fühlen, den ich vorbereitet habe.
Ich lösche das Licht. Draußen klingt das Dorf aus wie ein gutes Gespräch. Drinnen bleibt ein Restwärmekranz auf dem Tisch, als hätte jemand eben noch an mich gedacht. Ich lege die Hand auf die Klinke des Schlafs und sage halblaut den Satz, den ich in diesem Monat am meisten liebe: Ich bin hier. Der Rest darf später anklopfen. Wenn er anständig fragt, mache ich auf. Wenn nicht, bleibt er vor der Tür. So endet ein Jahr – nicht mit Feuerwerk, sondern mit Haltung. Und am Morgen wird das Dorf unten wieder fließen, eine Spur heller. Ich auch.